Gerichte in Moskau und St. Petersburg haben begonnen, Internetanbieter zu bestrafen, die Nutzern den Zugang zu YouTube über Umgehungstools ermöglichen. Gleichzeitig sind massenhafte Mobilfunkabschaltungen — offiziell mit Drohnenbedrohungen begründet — zu einem regulären Bestandteil des russischen Alltags geworden.
Friedensrichter in Moskau und St. Petersburg haben begonnen, Urteile gegen Internetdienstanbieter zu fällen — dafür, dass ihre Nutzer über Umgehungstools YouTube erreichten. Das markiert eine grundlegende Verschiebung: Statt Inhalte direkt zu sperren, wird die Haftung nun auf die Anbieter übertragen.
Grundlage ist Regierungsdekret Nr. 1667 vom Oktober 2025, das Roskomnadzor — Russlands Internetaufsichtsbehörde — die Befugnis gab, Inhalte direkt zu sperren, ohne ISP-Kooperation zu benötigen. Nun nutzen Gerichte diesen Rahmen, um finanziellen Druck auf Anbieter auszuüben, die Umgehungsverkehr nicht aktiv unterbinden.
Praktische Folge: Anbieter haben nun einen finanziellen Anreiz, tiefere Filterung zu implementieren. Das erhöht den Druck auf dieselbe DPI-Infrastruktur, die bereits Schwierigkeiten hat, mit Xray und anderen obfuskierten Protokollen umzugehen.
Massenhafte Mobilfunkabschaltungen sind zu einem vorhersehbaren Merkmal des russischen Alltags geworden. Die offizielle Begründung ist die Drohnenbedrohung — Behörden behaupten, das Abschalten mobiler Netze verhindere, dass Drohnen Navigationssignale empfangen. Für gewöhnliche Nutzer bedeutet das: Stunden oder Tage ohne mobile Daten.
Besonders bedeutsam ist, dass die Abschaltungen selektiv geworden sind. Banken und Staatsdienste, die das SORM-Überwachungssystem des FSB installiert haben, werden auf eine "Whitelist" gesetzt — ihre Apps funktionieren auch während Abschaltungen weiter. Banken, die die Installation verweigerten, wurden von dieser Liste ausgeschlossen.
Praktisches Ergebnis: Während einer Abschaltung können Sie möglicherweise noch Ihre Bank nutzen — falls Ihre Bank mit dem FSB kooperiert hat. Alles andere, einschließlich VPN-Verkehr, kann vollständig unterbrochen sein.
Neben Gerichtsurteilen und Abschaltungen entfernt Apple weiterhin monatlich VPN-Apps aus dem russischen App Store auf Anforderung von Roskomnadzor. Das App-Censorship-Projekt hat bis Juni 2026 bereits 761 entfernte Apps in der Kategorie "Dienstprogramme" dokumentiert.
Das praktische Problem: Selbst mit einem funktionierenden Server wird die Neuinstallation der Client-App nach einem Geräte-Reset über offizielle Kanäle schwierig. Die Lösung sind nicht-russische Apple IDs oder Android-Clients aus alternativen Quellen — beides erfordert Vorausplanung.
Trotz der Eskalation funktionieren individuell konfigurierte Xray-Reality-Setups für die meisten Nutzer die meiste Zeit. Der entscheidende Unterschied: geteilte kommerzielle VPN-Infrastruktur wird durch IP-Blocklisten und App-Entfernungen gezielt getroffen; individuell konfigurierte Server mit einzigartigen IP-Adressen sind noch nicht erfasst.
Protokolle, die sich als normaler HTTPS-Verkehr tarnen (Xray Reality, AmneziaWG), sind deutlich schwerer zu sperren als WireGuard oder OpenVPN. Reality zu sperren bedeutet, Verkehr zu sperren, der wie Microsoft- oder Apple-Traffic aussieht — das werden Russlands ISPs nicht in großem Maßstab tun.
Das Mobile-Shutdown-Szenario bleibt der einzige Fall, wo kein Protokoll hilft — aber Festnetzverbindungen waren bisher nicht von denselben Abschaltungen betroffen.
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